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Auf dem Wellbeing Summit in Bilbao

Meine erste internationale „Dienst“-Reise (auch wenn ich niemanden gefunden habe, der mich dafür bezahlt) als Travelling Change Agent seit über 3 Jahren (ich habe die Vorbereitungen in meinem letzten Beitrag beschrieben) begann etwas holprig. Der Zug am Sonntag morgen war doch ziemlich voll. Viele saßen in den Gängen, schimpften auf die ÖBB. Verstopfte Toiletten, 30 Minuten Verspätung. Alles in allem aber (für mich) okay für 750 Kilometer in gut 8 Stunden. Der Rest der Reise war dann recht angenehm. 1/2 Tag in Basel mit einem spektakulären Blick auf das Headquarter von Roche aus dem 14.Stock des Messeturm-Hotels und Besuch des Tinguely-Brunnens.

Ein kurzer Spaziergang in Paris auf dem Weg vom Gare de Lyon zum Gare de Montparnasse (hätte auch am Champs de Elysee aus der Metro aussteigen und einen Blick auf den Triumphbogen werfen können; das schien mir dann aber doch zu „Besuchen Sie Europa in 3 Tagen“-mäßig). Dann mit dem TGV nach Hendaye und spätabends zu Fuß über die Brücke nach Spanien. Fast wie ein Pilger mit meinem Rucksack. Die Pensions-Wirtin hat mich denn auch am nächsten Morgen mit „Buen Camino“ verabschiedet. Nach einem kurzen Club-of-Rome Jour-Fixe via Zoom bei Cafe con Leche und Croissant in der Bäckerei nebenan ging’s mit dem Euskotren nach Donostia/San Sebastian und einem Bad im garnicht so kühlen Meer (ähnlich neue Donau!) und weiter mit dem Bus nach Bilbao. Da kamen richtig gute Reminiszenzen an meine Backpacker-Zeit vor 40 Jahren auf. Das war aber nur die Vorspeise. Wellbeing auf dem Weg zum Wellbeing-Summit.

Der 3-tägige Wellbeing Summit wurde erstmals abgegalten – organisiert vom „Wellbeing Project“ in einem „Co-Creation“-Prozess von 6 Organisationen (von Ashoka bis zur Georgetown University). Titel: Wellbeing for Social Change. Inhaltlicher Kern: soziales Engagement erfordert auch, dass sich die Weltverbesserer um sich selber kümmern, ihren eigenen Burnout vermeiden. In zweiter Linie ging es aber auch darum, dass Wellbeing auch im Kern der „Social Change“-Arbeit stehen muss. Ein durchgängiges Thema waren dabei „Traumata“: von unverarbeiteten Schicksalsschlägen im eigenen Leben bis hin zu inter-generationellen Traumata zum Beispiel im Post-Apartheid Südafrika, im Irak nach ISIS aber auch im Nachkriegs-Europa (das auch bei uns noch immer nachwirkt). Hochrangigste „Civil Society Leaders“ (zB ein ehemaliger Generalsekretär von Amnesty International) berichteten in offenen und berührenden Statements von ihren eigenen Zusammenbrüchen, ehemalige Minister von ihrem Scheitern („I am responsible for millions of people staying in misery“).

Dies alles aber in einer von mir selten erlebten positiven Stimmung („don’t leave the room before you hugged at least 5 people you do not know“) mit täglichen Meditationen („Early Morning Practices“) im „Hospital for the Soul“, einer Kunstinstallation im Park neben dem Konferenzzentrum 10 Gehminuten vom Guggenheim-Museum entfernt.

Überhaupt war die Ansage „Art is at the Heart of the Summit“ keine Übertreibung. So hat zum Beispiel das von Yo-Yo Ma gegründete Silkroad Ensemble jeden und jede Sprecher*in der 3-stündigen Eröffunungs-Session mit einem 1-minütigen eigens komponierten Musikstück einbegleitet. Und in der Session („Creative Lab“) zu „The Power of Music in Wellbeing / Indian Ragas and Chants“ konnten wir mit der aktuellen Grammy-Gewinnerin Falu gemeinsam singend in die Geheimnisse indischer klassischer Musik eintauchen, bevor sie später im größten Kulturzentrum der Stadt ein öffentliches Konzert gab. Nur zwei meiner persönlichen Highlights neben vielen andern.

Inhaltliches Highlight für mich war die Session („Fireside Conversation“) am letzten Tag mit dem Titel „How to introduce wellbeing into public policy“ mit drei (ehemaligen) Minister*innen aus Argentinien, Frankreich und Jordanien und dem jungen Gründer einer „political school“ mit dem schönen Namen „Fratelli Tutti“, die nichts weniger möchte als: „reimagine politics“. Zitat: „we need to educate politicians – they are part of the solution“. Darüber möchte ich demnächst noch einen eigenen Beitrag für die cooppa Mediengenossenschaft schreiben.

Überhaupt habe ich noch nie eine derart internationale Veranstaltung erlebt: 900 Menschen aus 60 Ländern und Europa deutlich in der Minderheit, was natürlich unter Carbon Footprint-Gesichtspunkten auch der wesentliche Makel ist. Aber wie hätte ich sonst 2 Dutzend Menschen aus aller Welt umarmen können, die ich noch nie zuvor getroffen habe. Ein besonderes Gadget neben eigener App und einer hervorragenden Organisation: die Family-WhatsApp-Groups: jeweils 25 von den insgesamt 900 Teilnehmer*innen wurden von den Organisator*innen zu „Families“ von jeweils 25 Menschen zusammen gefasst, die sich dann zu gemeinsamen Mittagessen und Abend-Aktivitäten verabreden konnten. In meiner Gruppe waren Menschen aus Brasilien, Indonesien, Südafrika, Tansania, Ägypten, Niederlande, UK, Spanien…

Ein persönliches Highlight ganz zum Schluss war dann noch die Zufalls-Begegnung mit Barbara Bulc aus Slowenien, die seit über 25 Jahren in Führungspositionen in Regierungs- und internationalen Organisationen, in Unternehmen und NGOs (zB der Clinton Foundation) als „systems thinker and social chemist“, wie es auf ihrer Website heißt, arbeitet und jetzt ein von ihr in Genf gegründetes „SDG Colab“ leitet, in dem sie ähnliche Dinge macht, wie wir mit der „Projektwerkstatt“ an der Angewandten. Wir haben sehr lange geredet uns fest gestellt, wie nahe wir uns im Denken sind und auch Lust haben, zusammen zu arbeiten.

Schließlich habe ich von ihr dann auch erfahren, dass neben 2 weiteren Österreichern, die ich getroffen habe, ein Kollege von der Angewandten auch dort war: Walter Suntinger aus dem Arts in Applied Human Rights Program.

Was ich persönlich mit nehme ist, mein eigenes Trauma des SERI-Konkurses nicht mehr nur für mich zu behalten aber auch, dass ich mit „meinem“ Wellbeing-Projekt, das mich und das UniNEtZ und den Club of Rome in den nächsten 2 Jahren und darüber hinaus beschäftigen wird, genau auf dem richtigen Weg bin – auch wenn mich der Summit darin bestärkt hat, meine Ideen noch deutlich zu schärfen.